Hier einige Kostproben aus meinem Buch...

Meine Flucht aus diesem Leben

 

Es war ein Donnerstag und ein Herbsttag, 1980. Ich machte mich für das Training fertig und freute mich schon riesig auf das kommende Handballturnier am Wochenende. Nur noch kurz das Essen für meinen Vater vorbereiten und die Küche aufräumen und dann wollte ich los. Aber es kam anders, als ich dachte. Ich weiß heute nicht mehr, was meinen Vater so verärgert hat. Er schlug mir mit einem nassen Handtuch ins Gesicht und verbot mir das Training für diesen Tag. Am Essen kann es nicht gelegen haben, weil er nichts übriggelassen hatte. Ich schaute in den Spiegel. Meine rechte Gesichtshälfte war knallrot und angeschwollen. Tränen liefen mir über das Gesicht. Ich schnappte mir meine Tasche und habe trotz des Verbots die Wohnung verlassen. Mit meinem Klappfahrrad fuhr ich ziellos umher. So konnte ich nicht zum Training fahren. Die Mädchen hätten mich gefragt, was los sei und ich hätte wieder lügen müssen, um mich selbst zu schützen. Also fuhr ich immer weiter ziellos herum und dachte über mein nutzloses Leben nach. Keine schulische oder berufliche, geschweige denn sportliche Perspektive, Ausreisewillige Eltern und die Stasi, die mich zum Staatsfeind Nummer eins machte. Die Chance, in diesem Leben glücklich zu werden, war für mich so ziemlich gering. Daher hatte ich einen Entschluss gefasst. Mein Leben war eh keinen Pfennig wert, also kann ich es auch beenden. Mich würde sowieso keiner vermissen. Entschlossen fuhr ich mit dem Fahrrad zur Brücke, die einen Stadtteil vom anderen trennte. Hier fuhren ständig Züge. Ich dachte, es wäre recht einfach, mit einem Sprung aus dem Leben zu gehen und deshalb habe ich mein Fahrrad ganz langsam ans Brückengeländer gestellt. Wenn man unglücklich ist, sieht man gar nichts mehr, was um einen herum passiert. Die Welt versinkt in Bedeutungslosigkeit. Nach einer Weile verschwanden ringsum die Straßengeräusche. Erst recht ganz banale Dinge, wie eine Ampel, die von Rot auf Grün sprang, spielende Kinder oder die Fahrgeräusche der stinkenden Trabbis. Und so kletterte eine klapperdürre, todtraurige Gestalt unter Tränen über das Geländer. Ich spürte plötzlich so ein Gefühl der Leere, so dass mir zeitweise die Bodenhaftung verloren ging. Zwischen diesem riesigen Universum und mir war nichts mehr, außer meinem zurückgelassenen Klappfahrrad, das unverschlossen am Geländer stand. Das machte die Situation auch nicht besser. Ich stand allein auf dieser Brücke. Meine Haare wehten mir ins Gesicht. Ich umklammerte das Brückengeländer, als könnte das jeden Moment davonfliegen. »Hilfe!«, flüsterte ich leise vor mich hin und taumelte ein wenig Hin und Her. Die Tränen liefen weiter über meine Wangen. Ich nahm langsam Abschied von meinem kläglichen Dasein auf dieser ungerechten und brutalen Welt. Bis dato hatte mich keiner entdeckt und endlich kam der erhoffte Zug. »Wurde auch Zeit«, brummelte ich. Doch der Zug fuhr recht langsam und hielt sogar an, was mich sehr irritierte. Es war einer von den Güterzügen, die normalerweise hier an dieser Stelle durchrauschten, sonst würde diese Aktion auch keinen Sinn machen. Vor einen stehenden Zug wollte ich mich auch nicht werfen! Ich ahnte nicht, dass der Lokführer mich entdeckt hatte. Er stieg aus seinem Fahrerhäuschen und kletterte den Hang hoch. Ich blieb wie erstarrt stehen und hörte, wie der Lokführer mir zurief: »Alles in Ordnung?« Endlich begriff ich, dass er mich gesehen hatte. Bestimmt ahnte er, was ich plante und hielt mich für eine Selbstmörderin, die ich ohne Zweifel ja auch war. Wenn sich jemand lange auf einer Brücke rumtreibt, dann kann man sicher sein, dass derjenige kurz davor ist, eine Dummheit zu begehen. Bevor ich ihm antwortete oder er mich hätte greifen können, schnappte ich mein Fahrrad und fuhr heulend und schreiend davon. Ich war wütend, tobte wie eine wild gewordene Kinderhorde. Die Leute, die mir entgegenkamen, schauten, als hätten sie gerade ein Gespenst gesehen. In dem Moment wurde mir klar, dass meine Eltern in einem Punkt Recht hatten. Tatsächlich bin ich zu dämlich, einen Wassereimer 54 umzukippen, nicht einmal das bekomme ich hin! Und so versank ich mal wieder in Gedanken oder besser noch in Selbstmitleid. Was mache ich jetzt bloß? habe ich mich gefragt. Nach zehn Minuten Irrfahrt blieb ich stehen und mir fiel in dem Augenblick nur einer ein! Mein Freund Clemens, den ich in der Kirche kennengelernt habe. Sein Vater war Polizist und seine Mutter brachte mir das Flötespielen bei. Was sie beruflich tat, weiß ich nicht mehr. Ich schilderte ihnen meine Situation und durfte vorerst bleiben. Die Mutter meines Freundes hatte sich dazu entschlossen, am nächsten Tag mit mir zur Jugendfürsorge* zu gehen. Es kam aber alles ganz anders. *Die Jugendfürsorge … war ein staatlich gelenktes Amt, das ähnlich wie das heutige Jugendamt arbeitete. Die Jugendfürsorge war nicht nur auf die Vernachlässigung von Kindern ausgerichtet, sondern auch auf die Eltern, die gegen sozialistische Erziehungsnormen verstießen. Bei Republikflucht wurden Kinder in staatlichen Heimen untergebracht oder sogar zwangsadoptiert. Auch die Unterbringung straffälliger Jugendlicher in den berüchtigten Jugendwerkhöfen lief über die Jugendfürsorge. Ich befand mich im Tiefschlaf, als es an der Haustür klingelte. Das Klingeln hat mich aus meinen Träumen gerissen und ich hörte Stimmen. Ein Blick zur Uhr verriet mir, dass es mitten in der Nacht war. Die Uhr zeigte 02.35 Uhr. Plötzlich hörte ich die Stimme meiner Mutter. Nach einer kurzen Pause kam die Mutter meines Freundes ins Zimmer. »Du musst leider aufstehen, bitte zieh deine Sachen an«, sagte sie mir. »Warum das denn?«, fragte ich völlig übermüdet. »Du musst mit deiner Mutter mitgehen, sonst bekommt mein Mann mit seiner Dienststelle Ärger.« In dem Moment habe ich nicht verstanden, warum. Später wurde es mir klar. Wir waren Staatsfeinde, denen gewährt man als Linientreuer keine Zuflucht! Er hätte sich somit auf sehr dünnem Eis bewegt. Soweit habe ich damals natürlich nicht gedacht und zog enttäuscht mit meiner Mutter los. Sie war zu Fuß gekommen und es waren etwa fünf Kilometer Fußmarsch bis nach Hause. Auf dem Rückweg erzählte sie mir, dass mein Vater mich überall gesucht hatte und sie mich bei der Polizei als vermisst meldeten. Ich denke, das war das schlechte Gewissen, was ihn plagte. Aber es war gut zu wissen, dass wenigstens eine Reaktion kam. Er hat schätzungsweise eine Woche nicht mit mir geredet. Ich habe es bis heute überlebt.

Ein aufregender Kinobesuch

 

Es war ein kalter, verregneter Herbsttag, als mein Bruder Michael mit ein paar Mädels ins Kino wollte. »Wollt ihr wirklich ins Kino?«, fragte meine Mutter und meinte, dass man an solchen Tagen keine Hunde vor die Tür schickt. »Egal«, rief ihr mein Bruder zu, der sich bereits seinen Parka überzog. Dieser Parka hatte etwas ganz Besonderes. An beiden Armen, knapp unter der Schulter, war die schwarz-rot-goldene Flagge aufgenäht. Natürlich die ohne Hammer, Sichel und Ährenkranz! Mein Bruder war auf die Jacke mit diesem kleinen Stück Stoff heiß. Er freute sich, als er das Paket von Oma Anna aufmachen durfte und sein sehnlichster Wunsch erfüllt wurde. Ich freute mich mit ihm, weil er ganz toll mit dieser Jacke aussah. Er hatte blonde Haare und die olivgrüne Farbe der Jacke stand ihm wirklich gut. »Die Weiber werden auf mich stehen«, flüsterte er mir zu. »Ja«, sagte ich zu ihm und war stolz einen so hübschen Bruder zu haben. »Tschüss«, sagte er und ging. Er und die Mädels fuhren mit der Straßenbahn zum Kino. Es war bereits dunkel, als mein Bruder ganz aufgeregt nach Hause kam. Mit den Worten: »Die Hunde haben mich mitgenommen«, begrüßte er mich im Flur. »Welche Hunde meinst du denn?«, fragte ich ihn. »Zwei Typen von der Stasi sind mir entgegengekommen, die haben genau gewusst, wann ich an der Haltestelle aussteige. Wenige Meter danach haben die mich angesprochen und mitgenommen«, meinte er. »Wie einen Schwerverbrecher haben die mich behandelt und mich gefragt, warum ich die Jacke trage.« »Was hast du geantwortet?«, fragte meine Mutter, die zu unserem Gespräch dazu kam. »Weil mir kalt ist«, was sonst? Diese Antwort machte Sinn, weil es draußen kalt und nass war. Aber irgendwie sind die Hunde wohl ganz wütend geworden und verlangten von meinem Bruder, dass er die Jacke auszieht. »Warum sollte ich das tun?«, fragte er. »Weil Sie eine Jacke mit unerlaubten Emblemen tragen«, antwortete einer der beiden. »Wo steht das geschrieben, dass es nicht erlaubt ist, eine Jacke mit einer ausländischen Flagge zu tragen?«, fragte mein Bruder. Sie hatten keine Antwort darauf. Dann holte der eine Hund sein Messer aus der Tasche und meinte zu meinem Bruder, dass er jetzt die Wahl hat. »Entweder du schneidest dir die Flaggen selber raus oder ich übernehme das. Dann kannst du aber sicher sein, dass ich ein viel größeres Loch hinterlassen werde.« Michael nahm das Messer und entfernte die Flaggen lieber selbst, so hielt sich der Schaden wenigstens noch in Grenzen. Mein Bruder war so wütend auf die Hunde, dass er sich mit den Worten »Ihr Schweine« verabschiedete und schnell nach Hause rannte. Meine Oma Anna war so gut und hat ihm gleich mehrere dieser Flaggen zugeschickt. So konnte erstens die Jacke wieder geflickt werden und zweitens, für den Fall der Fälle, wäre immer ein Ersatz im Haus.

Das Attentat auf Erich Honecker

 

Wenn wir Freunde unter uns waren, haben wir in unserem jugendlichen Leichtsinn oft Witze über unseren Staatsmann Erich Honecker gemacht. Ihm fiel es schwer, beispielsweise das Wort »sozialistisch« auszusprechen. Allein darüber haben wir uns fast totgelacht. Mit krächzender und lallender Stimme sagte er »Sozialistische Einheitspartei Deutschlands». Ich konnte mir die gequälten Reden nicht anhören und schaltete die Sendungen für gewöhnlich ab oder um. Wir haben uns immer mehr Witze einfallen lassen. In großer oder kleiner Runde, beim gemütlichen Zusammensitzen erzählten wir uns die Witze und haben so sehr gelacht, dass uns das Zwerchfell weh tat. Ja, wir Teenies hatten auch unseren Spaß im Osten.

 

Hier einige Kostproben: Die Stasi verhört einen Kirchengänger: »Gibst du zu, dass du gerade in der Kirche warst?« »Ja.« »Gibst du auch zu, dass du die Füße von Jesus am Kreuz geküsst hast?« »Ja.« »Würdest du auch die Füße unseres Genossen Honecker küssen?« »Sicher, wenn er dort hängen würde …«

 

Honecker steht nackt vorm Spiegel und schaut an sich runter und meint: »Na wenigstens noch eener, der an mir hängt!«

 

Honeckers Schutzengel bittet im Himmel um Urlaub, er sei total erschöpft. »Wieso, du hast nur einen Menschen zu schützen, so wie jeder andere Schutzengel auch«, sagt Petrus. »Gewiss« röchelt der Engel, »aber nicht vor 17 Millionen Menschen!«

 

Breschnew und Honecker gehen gemeinsam zur Jagd. An einem Hügel trennen sich ihre Wege und in zwei Stunden wollen sie sich auf dem Hügel treffen. Breschnew ist oben angekommen und wartete auf seinen Parteifreund Honecker, der aber nicht kommt. Es vergehen Stunden … Breschnew macht sich voller Sorge auf den Rückweg und begegnet einem Jäger. Breschnew fragt den Jäger: »Hast du Honecker, den Staatsmann der DDR, getroffen?« »Na klar! Gleich beim ersten Schuss.«

 

Zu DDR-Zeiten waren alle politischen Witze 3/8-Witze! Drei Jahre für den, der die Witze erzählt hat, acht Monate für jeden, der gelacht hat.

 

Eines Tages, ich befand mich am Rastplatz unseres Dorfes, als plötzlich eine schwarze Limousine hielt und Honecker ausstieg. Ich dachte, ich sehe nicht richtig! Der lallende Staatschef stellt sich zum Pinkeln an den Waldrand. Als ich gerade zu ihm hinwollte, um ihm höchstpersönlich die Hand zu schütteln, fuhr plötzlich mit hohem Tempo ein anderes Fahrzeug auf den Rastplatz. In diesem Moment hielt ich mich zurück und wartete ab, was jetzt wohl passieren würde. Ein Mann stieg aus seinem Auto und freute sich, dass er Erich gesehen hat. Er rief: » Herr Honecker, ich bin ein großer Fan von Ihnen, darf ich ein Autogramm haben?«, und ging auf ihn zu. Für das Autogramm griff er in seine Jackentasche, um seinen Kugelschreiber raus zu holen. Honeckers Bodyguards eröffneten sofort das Feuer. Der Mann fiel blutüberströmt, mit dem Kugelschreiber in der Hand, tot auf den Boden. Oh Gott! Wenn die mich jetzt entdecken, werde ich auch abgeknallt, schoss es mir durch den Kopf. Ich rannte, so schnell ich konnte von diesem Rastplatz weg, aber einer der Bodyguards hatte mich bemerkt. Er lief mir hinterher und drückte mehrmals auf den Auslöser seiner Knarre. Die Kugeln schossen an meinem Kopf vorbei und landeten in einem der vielen Bäume. Ich rannte in Panik immer schneller, Angstschweiß stieg auf, ich wurde nervös und fiel auf den feuchten Moosboden im Wald. Mein Bein hing in einer Fuchsfalle fest und war verletzt, so dass ich nicht weiterkonnte. Alle Versuche mich zu befreien scheiterten. Jetzt stand der Typ genau über mir. Ein muskelbepackter Mann, ziemlich pausbäckig, mit einem Grübchen im Kinn. Er hielt seine Knarre auf meinen Körper. Ich schloss meine Augen und dachte an meine Familie. Wenn ich schon sterbe, dann will ich so einem Hund nicht in die Augen schauen müssen. Er drückte ab!

An dieser Stelle ist die Geschichte noch nicht zu Ende...